Texte

Beiträge aus Presse und Katalogen

Cybergloves für die Ohren
Horst Gerhard Haberl

Drei Klanglandschaften, Klanginstallation, 2002
Andreas Bayer

Umwandlung
Christina Kubisch

Musik zum Selbermachen
"Bewegt dem trommelnden Tanz der Pflastersteine und ihrer Fugen lauschen"
Stefan Fricke

 

Cybergloves für die Ohren
Horst Gerhard Haberl

Frauke Eckhardt konstruiert akustische Raumsonden. Mit ihnen lassen sich urbane Oberflächen oder architektonische Raumgrenzen stereoakustisch erfahren. Wobei das Er-Fahren in ein Er-Hören jenseits der alltäglichen Wahrnehmung kippt. Das ist der springende Punkt in Eckhardts Erfindung von interaktiven Gerätschaften, die wie akustische Raumsonden funktionieren: Körperschallmikrofone nehmen über stimmgabelartige Tonabnehmer – etwa Bambusfedern – Klänge auf, die über Außengeräusche isolierende Kopfhörer wiedergegeben werden. Die Benutzer dieser Geräte werden so gewissermaßen zu Archäologen einer dem jeweiligen Ort der akustischen Erforschung zu Grunde liegenden Klangwelt. Sie kratzen, schürfen und ertasten Schallbilder von Straßenpflasterungen, unberührten Ecken oder einfach leeren Räumen und entdecken archaisch anmutende Klangfragmente. Im Gegensatz zu digitalen Kompositionsmaschinen sind diese raumzeitlichen, zum Teil mobilen Klanggeneratoren so etwas wie verlängerte Ohren (Hörprothesen), also Wahrnehmungsvehikel, die wie CyberGloves für das Innenohr neue Zeit- und Raumerfahrungen stimulieren. Denn das auf diese Weise aufgespürte Klangmaterial wird unmittelbar über Objekt (Wahrnehmungsvehikel) und Körper (physische und psychische Selbsterfahrung) aufgenommen, verarbeitet und zu raumzeitlichen Hörbildern transformiert. Dabei erfahren die gleichzeitig über die Augen wahrgenommenen Ansichten des akustisch erforschten Umfeldes neue Bezugspunkte und Perspektiven. Es entsteht eine Art Raum-Zeit-Spalte, eine raumzeitliche Anomalie des alltäglichen Augenscheins.

Der interaktive Umgang mit skulptural gestaltbaren Hörprozessen versetzt die Nutzer von Frauke Eckhardts Klangmobilen, Klangrollern oder RaumKlangRezeptoren in ein ganzheitliches, eigendynamisches und eigenschöpferisches Energiefeld: Ein zuvor nie wahrgenommenes Energiefeld der eigenen sensorischen Körpereigenschaften und akustischen Produktionsmöglichkeiten. Ihre interaktiven Hör-Skulpturen bewegen sich auf der Traditionsschiene jener Geräuschmusikmaschinen, wie sie der italienische Futurist Luigi Russolo („Die Kunst des Lärms“) Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut hat. Wahrnehmungsstrategisch näher steht ihr jedoch die Philosophie der Fluxus-Bewegung, etwa Yoko Onos Aufforderung: „Höre auf das Geräusch der sich drehenden Erde“. Doch Eckhardts mobile Körper-Raum-Zeit-Sondierungs-Skulpturen überschreiten diesen Ereignishorizont eines entgrenzten Spielraums der Kunst als Vermittlerin von „anderen“ Sinneswahrnehmungen. Das liegt einmal in der Freigabe des akustischen Gestaltungspotentials an das Publikum begründet, andererseits in der zeitlich dimensionierten akustischen Auslotung des optisch leeren Raumes. Im Sinne der von Heidegger angedachten „Wirkungskraft der Leere“ sieht auch Eckhardt die Leere nicht als die Kehrseite eines Ortes, sondern als „mit dem Eigentümlichen des Ortes verschwistert“.

Dem schon angesprochenen Aspekt des Archäologischen im akustischen Aufspüren des dem jeweiligen Umfeld der raumzeitlichen Er-Fahrung innewohnenden Klangmaterials entspricht dieses an sich unsichtbare Eigentümliche eines Ortes.

Frauke Eckhardts Wahrnehmungsvehikel zur eigenkörperlichen Umwandlung der aus dem Boden oder der Luft gefilterten Klangspuren stellen Akte der skulpturalen Gestaltung dar. Wie auch die akustischen Spürgeräte selbst Arbeiten einer Bildhauerin sind, die Kunst als die Verkörperung von Lebensprozessen begreift. Daher gehen sowohl ihre mobilen wie statisch positionierten CyberGloves für die Ohren als auch ihre interaktiven Rauminstallationen über das bloße Hören und Sehen hinaus. Erst in der aktiven Nutzung, d.h. im akustischen Befahren oder Begehen ihrer Skulpturen und Rauminszenierungen fließen unsere linken und rechten Hirnströme zusammen. So erschließen sich neue Bezugsfelder in der Wahrnehmung von Zeit und Raum – aber auch neue Möglichkeiten der eigenschöpferischen Herstellung von Musik jenseits des bisher Gehörten.

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Drei Klanglandschaften, Klanginstallation, 2002
Andreas Bayer

Frauke Eckhardt gestaltet drei Vitrinen als “Klanglandschaften”. Die Vitrinen, mit weißer transluzenter Farbmaterie gefasst, erscheinen in der Gangsituation des Flures als diffus leuchtende, schwebende Kuben. Die Innensituation der Kuben erschließt sich erst beim Öffnen der Vitrinentür, die nur soweit Raum gibt, dass eine Person vollständig jeweils eine Sektion der Folge erfassen kann.
Der technisch-tektonische Apparat der Vitrinen birgt, horizontal orientiert etwa in Hüfthöhe des Betrachters, organische Landschaften, deren unterschiedliche Komponenten, mit Kontaktmikrophonen versehen, in Quarzsand eingebettet sind. Der Besucher ist aufgefordert, durch taktile Aktion die Gegenstände dieser “Innenwelt” akustisch zu erwecken. Die so erzeugten Klänge sind simultan über Kopfhörer wahrnehmbar und modulieren je nach Intensität und Art der Berührung, so dass eine jeweils individuelle Musik abhängig von der eigenleiblichen Lebendigkeit des Agierenden entsteht.
Beim Aufsetzen des Kopfhörers wird weitestgehend die akustische Situation der Umgebung ausgeblendet und es entsteht eine – sehr intime - Situation vollständiger akustischer und optischer Konzentration auf die “Klanglandschaft”. Begleitet wird diese besondere akustische Situation von dem Grundmotiv des Sandes als Hinweis auf die Weite und Stille einer Wüste
Mit dem Auf- und Absetzen des Kopfhörers verbinden sich kontrasthaltige Situationswechsel, die Beginn und Ende in den Wahrnehmungsintervallen der Arbeit von Frauke Eckhardt markieren. So werden für den Besucher – optisch und akustisch – zwei verschiedene Wahrnehmungssituationen geschaffen.
Die Gestaltung der Landschaften orientiert sich an den Oberbegriffen Mineral, Pflanze und Tier. Dem Mineral zugeordnet sind Schieferplatten, die in ihrer lagernd-ausgebreiteten Anordnung an eine zelluläre Struktur erinnern. Der Oberbegriff der Pflanze wird durch Sukkulenten dargestellt, das Tier ist vertreten durch an Rosshaaren auf die Sandfläche herabhängende Stachelschweinborsten. Gerade hier erweisen sich die Einzelelemente der Installation als sensible Instrumente einer klanglichen Welterweckung. Die Bewegung der Borsten zeichnet eine flüchtige Partitur in die Sandfläche des Bodens. Nicht nur der Klang, auch die Notation wird durch die individuelle Aktion immer neu gesetzt.
Die “Klanglandschaften” stellen ein Analogieverhältnis zur Arbeit an Anatomischen Instituten her. Mit dem Weiss der Vitrinenwände deutet die Künstlerin auf das Leichentuch hin, mit dem die toten Körper in den Seziersälen bedeckt sind. Auch hier muss der Forscher sein Objekt erst ent-decken. Durch das Öffnen der Vitrinen wird der Besucher zum Erforscher des Kubus-Inneren wie der Anatom beim Eröffnen eines Leichnams.

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Umwandlung
Christina Kubisch

Bei allen interaktiven Klanginstrumenten, die Frauke Eckhardt seit ca. 1998 entwirft, baut und auch technisch umsetzt und meist auch selbst baut, geht es um das Prinzip der Umwandlung. Sensoren tasten Oberflächen ab und die so entstehenden Impulse werden durch eingebaute elektronische Schaltungen wieder hörbar. Kontaktmikrofone verstärken die Geräusche von Besuchern, die auf einem von der Künstlerin arrangierten Ensemble von Stühlen sitzen, kleine Mechaniken lassen an runden Holzscheiben einen Tischtennisball rotieren. Legte Frauke Eckhardt anfangs noch die Orte und Sequenzen der Aktionen in einer Art „Hörpartitur“ selbst fest, überlässt sie es später den Besuchern, eigene akustische Wege zu gehen.
Es ist also eine persönliche Entscheidung, was, wie, wo und wie lange man etwas hören will. Der Hörer kann und muss eingreifen in einen Prozess, der Klangobjekte in Bewegung setzt und diese in Geräusche, Klangfarben, rhythmische Strukturen umwandelt. Das Hören lenkt dabei automatisch die Aufmerksamkeit auf den Sehsinn. Obwohl dies Phänomen als Synergeieffekt durchaus bekannt ist, hat es bei diesen Arbeiten eine ganz eigene Charakteristik. Die kleinen, mobilen Klanginstrumente von Frauke Eckhardt z. B. mit denen der Besucher seine Umwelt abtasten kann, überraschen durch die Komplexität der selbst erzeugten Hörerlebnisse. Was so komplex klingt, wird auch mit dem Auge wieder gesucht. Plötzlich fragt man sich, wie wohl die Oberfläche eines Straßenbelages, eines Steinfußbodens, eines Sandweges, von Mauern, Holz, Glas, Stoff etc. klingen mag. Durch die geschärfte Wahrnehmung entsteht beim zunehmend sensibilisierten Besucher/Hörer eine wechselseitige Beeinflussung des Hör- und Sehsinns.

Im Gegensatz zu interaktiven Installationen, bei denen der Besucher über virtuelle Datenströme das vor ihm liegende Kunstwerk beeinflussen kann, mögen die interaktiven Erkundungen von Frauke Eckhardt einfach, fast archaisch erscheinen. Sie sind es aber nur vordergründig. Die Einbeziehung der vertrauten Umwelt steht im Gegensatz zur Perfektion von auf sich selbst bezogenen computeranimierten Cyberwelten und bildet dazu einen bewusst gesetzen Kontrapunkt. Das zum Kunsterlebnis gehörende soziale Umfeld macht individuelle, komplexe und ständig erweiterbare Erfahrungen möglich, die auch von der Sensibiltät und Eigeninitiative des Besuchers abhängen. Ohne virtuellen Überbau verlässt sich Frauke Eckhardt auf das kreative Potential jedes Besuchers.
Zu solchen Aktionen gehören Mut und eine gute Portion Eigensinn, den die Künstlerin schon während ihres Studiums bewiesen hat. Der Agierende wird aufgefordert, nicht nur Entdecker, sondern gleichzeitig auch Performer zu sein. Man könnte von einer doppelten Interaktivität sprechen, die nicht nur zwischen Objekt und Material, sondern auch zwischen dem Handelnden und den ihm zuschauenden Personen stattfindet.
Was bleibt, wenn man die Klangräume und Klangobjekte von Frauke Eckhardt wieder verlässt, ist nicht die vage Erinnerung an eine künstliche Welt, die man beeinflusst hat, sondern die Entdeckung, dass die vertraute Umwelt interessanter und komplexer erscheint. Frauke Eckhardt erweitert nicht nur unsere akustischen Erfahrungen, sondern sensibilisiert , wenn wir dazu bereit sind, auch unsere gesamte Wahrnehmung.

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Musik zum Selbermachen
"Bewegt dem trommelnden Tanz der Pflastersteine und ihrer Fugen lauschen"
Stefan Fricke

Von Joseph Beuys (1921-1986) stammt das bekannte Diktum „Jeder Mensch ist Künstler“. Dass er Anfang der 1980er Jahre in einer Gesprächsrunde des Österreichischen Rundfunks (ORF), an der unter anderen auch der Komponist György Ligeti (1923-2006) teilnahm, auch den Satz prägte „Jeder Mensch ist Musiker“, blieb indes völlig unbeachtet. Den meisten Menschen gilt Musik zwar als etwas, das sie lieben, benötigen und bewundern, doch verzichten sie in ihrem Musikleben auf die Entfaltung der eigenen schöpferischen Fähigkeiten. Statt selbst mit den akustischen Möglichkeiten zu spielen und zu experimentieren, überlassen sie das Musikmachen mit erschreckend wachsender Tendenz eher den Virtuosen und den Experten. Genau an diesem sozialen Mangel, der zugleich ein ästhetischer Defekt unserer Gesellschaft ist, setzt die Klangkunst von Fraucke Eckhardt ein, die wie auch Joseph Beuys, ausgebildete Bildhauerin ist.
Frauke Eckhardt, 1968 in Frankfurt am Main geboren, studierte nach einer Ausbildung zur Steinbildhauerin von 1993 bis 1997 an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste Bildhauerei, Kunst und öffentlicher Raum sowie Tanzskulptur und anschließend (bis 1999) audiovisuelle Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Saar, Saarbrücken. Seither lebt und arbeitet sie in Saarbrücken.
Mit ihren Arbeiten knüpft Eckhardt an das Beuys‘sche Erbe an, indem sie das Ohr als essenzielles Wahrnehmungsorgan in ihren Installationen und mobilen Raum-Klang-Erkundungsskulpturen verankert. Wie kaum eine andere Klangkünstlerin ihrer Generation ist in ihrer plastischen Kunst das geborgen, was Beuys einmal „ein Suchen nach der wirklichen Gestalt der Dinge“ genannt hat. Ein solches Suchen formuliert Eckhardt in ihren Arbeiten als Spiel und Prozess, aktiviert Entdeckungslust und Erforschungsdrang, animiert, die Welt mit den Ohren neu zu sehen.
Mit ihren Objekten und Installationen eine Musik für Passanten, eine Musik zum Selbermachen. Ihre Audio-Vehikel Klangmobil (1999) und Klangroller (2000), die beweglichen RaumKlangRezeptoren (2001) – ebenso ihr interaktives Kakteen-Environement Klanglandschaft (2002) – laden uns dazu ein, selbst Komponist zu werden. Sobald wir die technisch raffinierten und doch leicht zu bedienenden Fahrzeuge und Gerätschaften benutzen, aktivieren wir automatisch unser Potenzial als Musiker. Denn alle beschrittenen Wege und praktizierten Taten sind immer auch Klangspuren, die Eckhardts mobilen Objekte mittels Mikrofonierung (teils plus Aufzeichnung) subtil hörbar machen. Die so vorgenommenen Ortserkundungen und tatsächlichen Selbsterfahrungen, die durch die Wahl des Weges, die Wahl der Tat und der Geschwindigkeit individuell beeinflussbar sind, liefern ungewohnte akustische Erfahrungen. Was wir sonst gar nicht oder niemals in dieser Prägnanz wahrnehmen, sind jene Klänge, die wir selbst bei der Fortbewegung erzeugen - stets auf der Basis der dabei von uns berührten Elemente und ihrer jeweiligen Beschaffenheit. Ein Aufeinandertreffen von Beweglichkeit und Vorhandenem, das durchaus vergleichbar ist mit dem traditionellen Komponieren, das mit einem gewissen Tonvorrat, einem Instrumentenarsenal und anderen existierenden Parametern operiert, um damit eine Partitur als Voraussetzung des erdachten Musikstücks zu schaffen. Einen Notentext aber schreibt Frauke Eckhardt nicht. Sie konstruiert allein die Prämissen, die Lese- und Hörgeräte, um die konkrete Welt als stetig wandelbare Partitur erfahren zu können. Zugleich lässt sie uns so als Komponisten wie Interpreten begreifen, eben als Beuys‘schen Musiker, der so seine eigene ästhetische Produktivität zu nutzen lernt. Und das gilt auch für, genau das hat der Besucher zu tun, wenn er Frauke Eckhardts Sitzmöbel Klangsurfer (2009) in der Ausstellung „Klangkunst – A German Sound“ aufsucht, temporär besetzt: aktiv werden und hören, staunen und wieder hören.

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